Danse Macabre

Mary Wigman (1886–1973), eine der bedeutendsten und einflussreichsten Protagonistinnen des modernen Tanzes in Deutschland im 20. Jahrhundert, schuf 1917 einen Totentanz, den sie 1921 in Dresden wieder aufnahm. Vier Jahre später arbeitete sie an einem zweiten Totentanz für ihre Tanzgruppe. Als „stummer Partner“, „immer spürbar und immer inspirierend“ saß der Maler Ernst Ludwig Kirchner dabei, zeichnete, entwarf Skizzen, aus denen das Ölgemälde Totentanz und viele weitere Bilder zu Wigman entstanden. 1926 gelangte der Totentanz II in Königsberg zur Uraufführung.

TOTENTANZ I; Foto: Jörg Landsberg

Nach der erfolgreichen Rekonstruktion von Wigmans Le Sacre du Printemps 2013 holt die Dance Company Theater Osnabrück mit diesen beiden Totentänzen nun zwei kleinformatige Werke der Repräsentatin des Ausdruckstanzes zurück auf die Bühne. Wigmans Totentanz I (1917/1921) zur Musik Danse Macabre von Camille Saint-Saëns und Totentanz II (1926) zu Schlagwerkmusik von Will Götze bilden den Auftakt des dreiteiligen Tanzabends DANSE MACABRE, gefolgt von zwei zeitgenössischen Choreografien dieser Thematik: Supernova, ein Stück, das Marco Goecke 2009 für das Scapino Ballet in Rotterdam kreierte und Sacre, eine Uraufführung von Mauro de Candia zu Strawinskys Le Sacre du Printemps in der Fassung für zwei Klaviere.

SUPERNOVA; Foto: Jörg Landsberg

Eine Supernova, das explosive Aufleuchten eines Sternes am Ende seiner Lebenszeit, versinnbildlicht Marco Goecke im Mikrokosmos der Bühne durch das Auftauchen, die Materialisierung und das Verschwinden der Bewegung im schwarzen Nichts.

Der mitunter metallisch wirkende Klang der Klavierfassung von Le Sacre du Printemps, die Verlorenheit und Leere, die sich darin spiegeln, faszinierte de Candia, und er bezog daraus die Anregung zu einer Umdeutung des ursprünglichen Sacre-Szenarios. In seiner Version sind wir alle Opfer unserer Gesellschaft, unserer technischen, medialen Errungenschaften. Wir opfern unsere Individualität dem Konformismus und verlieren dabei uns selbst. Der rituelle Opfertod der Original-Version verkehrt sich zum Tod des eigenen Ichs.

Die Gegenüberstellung historischer und zeitgenössischer Choreografien zeigt die Verbindung und Differenz  zwischen choreografischer Vergangenheit und Gegenwart auf und macht zugleich die ungebrochene Aktualität des Totentanz-Themas sichtbar.

Termine im Theater am Domhof:
PREMIERE 11. Februar 2017
16., 21. (die Vorstellung muss krankheitsbedingt leider entfallen), 26. Februar
10., 12., 21., 25. März
12., 16., 25. April

SACRE; Foto: Jörg Landsberg

Pressestimmen

„‚Verzauberung durch Verzerrung‘ nannte Mary Wigman , was die junge Dance Company in berührender Ausdrucksintensität und Körperspannung bei den Zuschauern bewirkte. Verzauberung auch deshalb, weil die Ausdruckstänzerin in beiden Totentänzen eine faszinierend fremde Bewegungssprache für das Reich des Todes und des Jenseits gefunden hat. […] Ums Sichtbare und Unsichtbare geht es auch in ‚Supernova‘ […]. Was für ein gigantischer Zeitsprung in die Gegenwart: So schnell hat man die Dance Company noch nie mit den Händen flattern, den Beinen in Glitzerhosen zittern und ein bestechend schönes Bewegungsrepertoire fast bis zur Unsichtbarkeit beschleunigen sehen. Tanz hebt hier ab und verglüht wie die titelgebende Supernova. In Mauro de Candias neuer Choreografie ‚Sacre‘ erstarrt er zur Mechanik unter dem Druck von Strawinskys Klavierversion. Aus der Stereotypie brechen am Ende einzelne Soli aus, und es grüßen von Ferne rituelle Bewegungen aus Wigmans ‚Le Sacre du Printemps‘. Auch wenn das Premierenpublikum Marco Goeckes ‚Supernova‘ am meisten bejubelte: Ins Gedächtnis brannten sich die beiden ‚Totentänze‘ – was für einen Schatz hat da das Rekonstruktionsteam unter Henrietta Horn gehoben.“ Christine Adam, Neue Osnabrücker Zeitung, 11.2.2017

„‚Supernova‘, 2009 uraufgeführt, ist eins dieser faszinierenden, unterhaltsamen Muskel- und Gliederspielchen von Goecke, die heutige Tänzer immer wieder vor größte physische Herausforderungen stellen und ihnen schier unmenschliche Konzentration, Koordination und Präzision jeglichen Körperteilchens abverlangen – und ihnen wie den Zuschauern unglaublich viel Spaß machen. ‚So geht freier Tanz heute!‘ möchte man der selbst ernannten ‚Priesterin des Tanzes‘ zurufen, die so viel wagte, aber aus heutiger Sicht so wenig ahnte von den Möglichkeiten ‚der Bewegung aller Dinge‘. Osnabrücks Ensemble gibt alles – mehr als je zuvor. Das trifft auch auf die den Abend beschließende Uraufführung von Mauro de Candias ‚Sacre‘ zu. […] Optisch ist diese Einstudierung von nobelster Ästhetik. Die Bewegungssprache zitiert mit größtem Feingefühl den Ausdruckstanz ebenso wie antike Marmorskulpturen und zeitgenössisches Bewegungsvokabular. In blendend weiße Ganzkörpertrikots von den Zehenspitzen bis über die Frisuren sind die Tänzer gehüllt. […] Eine vornehmere Hommage an Mary Wigman ist kaum vorstellbar.“ Marielouise Jeitschko, www.tanznetz.de, 12.2.2017

„Vier Tänzer – unter ihnen war damals auch Wigman selbst – erobern in der rund 15 Minuten dauernden Arbeit mit harlekinartigen Kostümen die Bühne. […] Der körperliche Ausdruck ist stark rhythmisiert, wie es für Mary Wigman typisch war. Deutlich düsterer und formalisierter dagegen der ‚Totentanz II‘, was durch die expressionistische Schlagwerk-Musikbegleitung (Frank Lorenz, Mitglied des Osnabrücker Symphonieorchesters) extrem verstärkt wird. […] Die eigentliche Choreographie, die Bewegungen der aufgescheuchten Gruppe der Untoten, der traurig sich windenden, weiblichen Gestalt, die immer wieder ihre Arme von sich streckt und nach oben öffnet, und die beschwörenden Gesten des Dämons, sie haben schon moderne Züge, sodass sie dem Zuschauer im Jahr 2017 bei aller historischen Distanz etwas zu sagen haben. So werden Rekonstruktionen zu einem sinnstiftenden und berührenden Erlebnis, erzeugen sie doch erst dort, wo der zeitlose, stilprägende Charakter des modernen Tanzes durchscheint, einen künstlerischen Ertrag.“ Bettina Weber, www.die-deutsche-buehne.de, 12.2.2017

„Goeckes ‚Supernova‘ ist als flirrende Flutung sich selbst löschender Reizüberflutungen am spektakulärsten, de Candias fließendes ‚Sacre‘ stellt der Gegenwart mit ihren Automatismen, dem Konformismus, der Individualität aufzehrt, äußerst lebendig die Uhr ein, während die beiden ‚Totentänze‘ von Wigman diesem Abend den ganz besonderen Stempel aufdrücken. Geradezu eine Sinfonie des Tanzes – nachhaltig wirkend!“ Werner Hülsmann, Osnabrücker Nachrichten, 15.2.2017

 

Die Rekonstruktion von Mary Wigmans Totentanz I und Totentanz II wird gefördert von TANZFONDS ERBE – Eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes

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Osnabrück

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Theater Osnabrück
Domhof 10/11
49074 Osnabrück

Öffnungszeiten

Di bis Fr 10.30–18.30 Uhr,
Sa 10.30–14 Uhr
Abendkasse ab eine Stunde vor Vorstellungsbeginn